Presse, Kritik an Löw & Super Mario…

Die DFB-Elf verliert nach 2006 erneut ein Halbfinale gegen Italien und muss sich die Frage stellen, warum es auch bei diesem Turnier nicht für den ganz großen Wurf gereicht hat. Während der deutsche Boulevard die Schuldigen schnell ausgemacht hat, will der DFB die EM in Ruhe analytisch Aufarbeiten und es bei der WM 2014 besser machen. Was bleibt auch sonst als ernsthafte Alternative? – Wohl keine!

Endstation Warschau! Deutschland verpasst das Finale!

Alles sah danach aus, als würde es diesmal endlich klappen. Experten auf der ganzen Welt waren sich einig, neben Spanien ist Deutschland der Top-Favorit auf den Titelgewinn. Die Vorrunde bestätigte dies und spätestens seit dem gewonnen Viertelfinale gegen Griechenland, schätzten nicht Wenige das deutsche Team sogar einen Tick stärker ein als den Dauerrivalen aus Spanien.
Nachdem die Spanier den Finaleinzug gegen Portugal perfekt gemacht hatten, schien alles auf das bereits vor der EM prognostizierte Traum-Finale Spanien gegen Deutschland hinaus zu laufen. Ein Finale zwischen den beiden spiel- und kombinationsstärksten Fußballmannschaften Europas. – Es wäre bestimmt eine herausragende Finalpartie geworden, wenn es denn soweit gekommen wäre. Doch einmal mehr stand den Deutschen Italien im Weg, und wie schon bei der WM 2006, trat die Squadra Azzurra als Spielverderber für die Löw-Elf und die 28 Millionen(!) TV-Zuschauer, die in Deutschland ihren Apparat eingeschaltet und die ARD ausgewählt hatten, in Erscheinung.
Die reifere, klug agierende und ausgerechnet im Halbfinale erstmals extrem effektive Prandelli-Elf machte es wie immer bei einem Pflichtspiel gegen Deutschland. Es gewann und stürzte die DFB-Truppe und mit ihnen halb Deutschland in ein Taal der Tränen. Diesmal war man sich sicher, dass der Italien-Fluch besiegt werden könne und selbst der Gegner schätze Deutschland als das leicht favorisierte Team ein. Der Ausgang ist bekannt. Es reichte nicht! In der Kabine sollen Tränen geflossen sein. Nun steht die Ursachensuche an. Innerhalb des DFB-Trainerstabs, aber auch in der Presselandschaft sowie unter den rund 80 Millionen Bundestrainern auf Deutschlands Wohnzimmercouchen, Fanmeilen oder dort wo die schmerzhafte Niederlage gegen den Angstgegner Italien eben erlebt wurde.

Undifferenzierte Betrachtungsweisen der üblichen Verdächtigen

chancenlos bei beiden Gegentreffern: M. Neuer

Die Schuldigen scheinen für die Meisten, ohne große weitere Analyse, schnell gefunden: Joachim Löw hat es nach der Meinung vieler Experten und Laien vergeigt. Der in der Vergangenheit stets für seine erfolgreichen Veränderungen an der Startformation oder effektiven Umstellungen während des Spiels mit reichlich Lob bedachte Löw, hat diesmal mit den Veränderungen Gomez für Klose und Podolski für Reus daneben gegriffen, so der Vorwurf. Die Nominierung von Kroos für Schürrle bleibt außen vor und scheint vielen verständlich, auch wenn man sich damit dann doch, anders als angekündigt, dem Gegner mehr angepasst hat, als dass man Italien das eigene Spiel aufdrücken konnte.
Mit Kritik ist man eben immer gerne schnell dabei, vor allen Dingen in den Medien, wo es letztendlich mehr um Auflagen und Quoten geht, als um das Wohl der Mannschaft oder gar einzelner Akteure. Ähnliches gilt für die zahlreichen Experten, deren Profilierungsdrang, wenn es mal nicht so läuft, einen willkommen Nährboden gefunden hat, um eigenen Kompetenzen zu beweisen und sich für höhere und wichtigere Positionen als die des TV-Experten zu empfehlen.

Löw mit und wegen Gomez & Poldi hart angegangen

So ist man sich weitestgehend einig: Mario Gomez und Lukas Podoski haben es auf dem grünen Rasen versemmelt, das Trainer-Team um Löw hat sich bei der Aufstellung verzockt… und selbst „everybodys Darling“ Sebastian Schweinsteiger sowie Real-Star Mesut Özil bekommen ihr fett weg. Gleichzeitig hält sich die Kritik an den im entscheidenden Moment patzenden Mats Hummels und Holger Badstuber in Grenzen. Bei Lahm ist der Tenor gespalten. Außer dem Fehler der zum 2:0 führte, wird dem Kapitän, wie immer wenn es mal nicht rund läuft, ob bei den Bayern oder der Nationalmannschaft, die angeblich fehlende Leaderqualität vorgeworfen. In Schlagzeilen gepackt sieht das dann wie folgt aus:

steht in der Kritik: Jogi Löw

Finito! Deuschland noch nicht reif für den Titel

Berliner Morgenpost

Ist Jogi schuld am EM-Aus?

Bild

Jogi wo war dein glückliches Händchen?

Express

Jogi Löw verzockt sich kolossal

Focus Online

So einfach ist es also! – Oder vielleicht doch nicht? Hilft es die Niederlage einigen wenigen aufzuschultern? Für die zukünftigen Aufgaben der Fußballnationalmannschaft sicher nicht. Zumal es auch alles ganz anders hätte laufen können. Dann wären die jetzt viel Gescholtenen, trotz gleicher Leistung oder Entscheidungen, in den Himmel gehoben worden. So schnell kann es halt gehen…

Lob, Respekt und Verwunderung aus dem Ausland

„Deutschland vergeudet sein enormes Talent und stolpert erneut gegen Italien.“

(AS, Spanien)

Das Ausland hat für die Deutschen und deren Leistung mehr übrig und sieht die erste Niederlage nach 15 Pflichtspielen eher in einer reifen und (vielleicht) schon europameisterlichen Vorstellung und Lehrsunde Italiens für den „unerfahrenen Gegner“ der Squadrra Azzurra, die hervorragend von ihrem Architekten an der Seitenlinie, Cesare Prandelli, eingestellt wurde, leidenschaftlich fighteten und endlich wieder zu alter Effektivität gefunden hat, die in diesem Turnier noch zu wünschen übrig gelassen hat. Nur 15 Prozent aller Großchancen führten, bis zum Deutschlandspiel, zum gewünschten Erfolg, so dass bis ins Halbfinale lediglich vier Treffer erzielt werden konnten. Gestern waren es, bis zum 2:0, gefühlte 99 Prozent. Außerdem klappte es gestern erstmals auch aus dem Spiel und nicht nur aus einer Standardsituation heraus.
Italien feiert neben Prandelli, dem Vater des Erfolges und der neuen italienischen Spielweise, natürlich den doppelten Torschützen Mario Balotelli.

Die italienische Gazetten bringen es auf den Punkt:

Italia! - hat klasse gezeigt und steht im Finale

"Deutschland, wieder einmal besiegt.
Ganz Italien feiert mit Super-Mario.
Balotelli-Show - und die Deutschen brechen zusammen.
Deutschland kapituliert vor der Stärke der Azzurri.“

Gazzetta dello Sport

„(...) Mit zwei wunderbaren Toren vernichtet der umstrittenste Spieler
unserer Nationalmannschaft die deutsche Truppe, die unbesiegbar schien...“

Repubblica

"Talent und Kraft: Italien versenkt die Deutschen,
die vor einer unerwartet starken Mannschaft kapitulieren.
Deutschland hatte alle Spiele der Gruppenphase gewonnen.
Die Spieler hatten zwei Ruhetage mehr,
doch die Truppe löst sich auf, und niemand begreift, warum."

Corriere della Sera

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